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Wem gehören Wildtiere

Aufgefundene Wildtiere: Tierschutz: Welche Gesetze greifen?

Mindestens vier Gesetze beschäftigen sich mit dem Fall, wenn ein verletztes Wildtier aufgefunden wird und regelt den Umgang damit. Dazu einige Anmerkungen.

Grundgesetz
Der Tierschutz wurde 2002 als Staatsziel im Grundgesetz in Artikel 20a verankert.

Tierschutzgesetz
Die „Verantwortung für das Tier als Mitgeschöpf“ betont das Tierschutzgesetz und stellt das Tier als einzeln zu beachtendes Wesen unter den Schutz des Staates. Im Tierschutzgesetz wird nicht zwischen Haus- und Wildtieren unterschieden, vor diesem Gesetz sind zunächst einmal alle Tiere gleich. Dass in den folgenden Gesetzesartikeln Ausnahmen für das grundsätzliche Recht auf Leben und Wohlbefinden für einzelne Tiere erlassen wurden, ändert nichts an der grundsätzlichen Bedeutung von § 1, der lautet:

„Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen.“

Daraus ergibt sich die volle Verantwortung auch für Wildtiere, die in den folgenden Artikeln nicht mehr durch Relativierungen aus diesem Auftrag herausgenommen werden. Dabei dürfen wir sicher sein, dass sich die Verantwortung bezüglich medizinischer Hilfestellung nur auf die Tiere bezieht, mit denen wir unmittelbar und real konfrontiert werden. Dieser § 1 gilt natürlich nicht für frei lebende Tiere, auf die wir keinen Einfluss haben, wie die Maus, die tief im Wald vom Fuchs gefangen wird. Außerdem gehört das „Beute machen“ tatsächlich zu den natürlichen Vorgängen, in die wir nicht eingreifen sollen.

Bundesnaturschutzgesetz
Die im Bundesnaturschutzgesetz beschriebene „natürliche Natur“ ist leider nur noch sehr selten gegeben. Wir Menschen nehmen den Tieren die Nahrung und die Rückzugsmöglichkeiten und möchten in dem Moment, wo wir mit dem Einzelschicksal gefordert werden, auf die zuvor verunstaltete Natur mit der Möglichkeit der Selbsthilfe verweisen. Das ist nicht schlüssig.

Tatsächlich schreibt das Gesetz in §§ 39 Abs. 1 Nr. 1 und § 45 Abs. 5 sogar vor, dass einem hilfsbedürftigen Wildtier auch geholfen werden soll. Selbstverständlich werden wir nur in absoluten Ausnahmen Tiere finden, die so selten sind, dass deren Rettung einen Einfluss auf das Gesamtgefüge hat, wie das etwa bei Wanderfalken, Luchsen oder Wiedehopfen der Fall ist. Seltene Tiere, die auf der Liste der bedrohten Tierarten stehen, müssen unverzüglich an dafür spezialisierte Auffangstationen gegeben werden.

Aber der ethische Gedanke von Albert Schweizer
»Das Wenige, das du tun kannst, ist viel – wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst, sei es Mensch, sei es irgendeine Kreatur«

gilt gerade in dem Fall der Konfrontation mit dem beliebigen Einzelschicksal, unabhängig von einem wie auch immer zu bemessenden „Wert“ des Lebewesens. Natürlich ist unsere Macht der Einflussnahme auf das Gesamtgefüge nahezu gegen Null gehend. Daraus kann aber nicht abgeleitet werden, dass wir im konkreten Einzelfall unsere Gefühle ignorieren und wegschauen und weglaufen sollen. Was für eine Gesellschaft wollen wir? Eine, die hinschaut, wenn sie konkret betroffen und gefordert wird, oder eine, die wegschaut nach der Vorgabe „Hände weg“?

Bundesjagdgesetz
Damit kommen wir zum dritten, mit dem Interesse des Einzeltieres vermeintlich kollidierenden Gesetz, dem Bundesjagdgesetz. Wichtig dabei ist, dass viele Ausführungen zu diesen Gesetzen häufig noch vor 2002 verfasst wurden und damit dem Tierschutz nicht den Rang zugebilligt haben, der ihm nach 2002 zusteht.

Gerne wird im Zusammenhang mit Wildtieren betont, dass zunächst das Jagdrecht zu berücksichtigen sei. Dem kann aber bei einer Abwägung der verschiedenen Gesetze nicht zugestimmt werden, weil eine Passage im Grundgesetz vermutlich als höherwertig anzusehen ist. Wenn aber schon das Jagdrecht zitiert wird, so soll an dieser Stelle auf eine sehr wichtige Passage hingewiesen werden, die auch Jägern zum Teil nicht bewusst ist:

§ 22a Verhinderung von vermeidbaren Schmerzen oder Leiden des Wildes
(1) Um krankgeschossenes Wild vor vermeidbaren Schmerzen oder Leiden zu bewahren, ist dieses unverzüglich zu erlegen; das gleiche gilt für schwerkrankes Wild, es sei denn, dass es genügt und möglich ist, es zu fangen und zu versorgen.

„Es sei denn, dass es möglich ist“ impliziert, dass eigentlich immer zuerst versucht werden müsste, dem Tier zu helfen. Nur wenn das nicht möglich ist, ist es zu erschießen. Um dem Gesetzestext Genüge zu tun, müssten eigentlich alle Jäger dauernd kranke Tiere aufziehen. Das ist aber die Ausnahme und nicht die Regel, womit, streng genommen, dauernd Jagdgesetzesbrüche durch Jäger stattfinden. Hinzu kommt, dass in § 36 des Bundesjagdgesetzes vorgesehen ist, dass die Bundesländer Vorschriften über den Umgang mit hilfsbedürftigen Wildtieren
erlassen:

Absatz (2) Die Länder erlassen insbesondere Vorschriften über … 2. das Aufnehmen, die Pflege und die Aufzucht verletzten oder kranken Wildes und dessen Verbleib.

Von dieser Ermächtigung haben bislang aber nur sehr wenige Bundesländer Gebrauch gemacht, Hessen zählt nicht dazu. Daraus ist zu folgern, dass das nächst liegende Gesetz, das Tierschutzgesetz, das ohnehin als übergeordnet einzuschätzen ist, zur Anwendung kommen muss. Das bedeutet, dass jedem aufgefundenen Wildtier geholfen werden muss. Interessant wird zukünftig die Frage, wie in diesem Zusammenhang „Unterlassene Hilfeleistung“ zu beurteilen ist.
Quelle: http://m.fnp.de/special-haustiere/kirstentoennies/art49986,1984494

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