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Vorurteile gegen Waschbären sind nicht zu halten

Waschbären sind extreme Kletterkünstler, sie wühlen gerne in Biotonnen und toben über die Dächer. Ihr Image ist sehr schlecht. Ein Forscher erklärt, warum die Vorurteile jedoch nicht zu halten sind.

Frank-Uwe Michler ist promovierter Zoologe und leitet ein großes Waschbärenforschungsprojekt im Müritz Nationalpark. Schon seit 18 Jahren untersucht er das Leben der ursprünglich aus Nordamerika stammenden Kleinbären. Anfangs ging es darum herauszufinden, wie Mensch und Tier in der deutschen Waschbären-Hochburg Kassel besser miteinander zurechtkommen können. Mittlerweile aber haben Michler und seine Kollegen einige Merkwürdigkeiten bei Waschbären erforscht.

DIE WELT: Herr Michler, ich bin letztens mit dem Auto durch Nordhessen gefahren – auf der Autobahn und den Landstraßen bestand der Roadkill fast ausschließlich aus Waschbären. Sind die wirklich so häufig in Deutschland?

Frank-Uwe Michler: Es gibt schon viele Waschbären, grob geschätzt sind es momentan eine Million. Aber die sind nicht gleichmäßig über die Republik verteilt. Dass Sie in Nordhessen so viele gesehen haben, ist aber kein Zufall. In der Region vom Osten Nordrhein-Westfalens bis nach Thüringen, Nordhessen und Südniedersachsen, gibt es eine sehr starke Population. Eine weitere lebt in Brandenburg und im Süden Mecklenburg-Vorpommerns. Und dann gibt es noch einige kleinere Populationen, zum Beispiel in Ostsachsen und Baden-Württemberg.

DIE WELT: Diese Hotspots kommen daher, dass an diesen Orten in der Vergangenheit Tiere aus Pelztierfarmen ausgebrochen sind, oder?

Frank-Uwe Michler: Ja und Nein. Zum Teil wurden die Tiere bewusst ausgewildert, aber es gab und gibt bis in die heutige Zeit auch zahlreiche Beispiele, bei denen Waschbären aus Gehegen oder Zoos tatsächlich ausgebrochen sind. In Nordhessen hatten der Zwickenberger Kreisjägermeister Rolf Haag und Wilhelm Freiherr Sittich von Berlepsch, Leiter des Forstamtes Vöhl, damals den Plan, Waschbären am Edersee auszusetzen. Man experimentierte in den 1930er-Jahren ja gerne mit der Auswilderung von Exoten und Waschbärpelz war damals stark in Mode. Deshalb haben die beiden 1934 zwei Waschbärenpärchen am Edersee freigelassen. Nicht heimlich, sondern mit geladenen Gästen, Ansprachen und einem kleinen Bläserchor.

DIE WELT: Aber die Ostpopulation in Strausberg geht auf einen Ausbruch aus einem Gehege zurück, oder?

Frank-Uwe Michler: Nicht ganz! Hier hatte ein älteres Paar in Wolfshagen eine Waschbärenzucht mit 20 bis 40 Tieren. Der Enkelsohn erinnerte sich daran, dass die beiden am Ende des Zweiten Weltkrieges die Waschbären nicht mehr durchfüttern konnten. Sie brachten es nicht übers Herz, die Tiere zu töten. Also ließen sie sie frei.

DIE WELT: Die Waschbären haben sich gut eingebürgert …

Frank-Uwe Michler: Ja, sie überleben überall da, wo es einen dreidimensionalen Lebensraum gibt. Im Wald oder in der Stadt. In Agrarlandschaften findet man sie kaum. Das liegt daran, dass sie bei Gefahr schnell irgendwo hochklettern. Wegzulaufen bringt bei ihnen nichts, weil sie extrem schlechte Sprinter sind.

DIE WELT: Dank ihrer Kletterkunst kommen sie auch prima auf die Dachböden …

Frank-Uwe Michler: Stimmt. Häufig merken die Hausbewohner das aber gar nicht. Ein Waschbär ist meist nur ein Tagesgast und wechselt außerhalb der Aufzuchtszeit und Winterruhe täglich sein Ruhelager. Geeignete Versteckplätze werden aber immer mal wieder aufgesucht.

DIE WELT: Ich habe aber von regelrechten Partys gehört. Da soll ein Wachbär alle Kisten auf dem Dachboden auseinandergenommen haben…

Frank-Uwe Michler: Das sind meistens Wurfplätze, also Mütter mit ihren Jungtieren. Die jungen, fünf, sechs Wochen alten Waschbären spielen intensiv und gerne. Sie toben tagsüber und nachts herum, bleiben aber drinnen. Das kann ziemlich laut und anstrengend sein.

DIE WELT: Kann man die loswerden?

Frank-Uwe Michler: Man kann verhindern, dass sie ins Haus kommen. In den westlichen Stadteilen von Kassel gibt es wirklich viele Waschbären, wir gehen von 1.000 bis 2.000 Tieren aus. Trotzdem kommen Mensch und Tiere mittlerweile gut miteinander klar. Man muss nur die richtigen Maßnahmen einsetzen.

DIE WELT: Welche denn?

Frank-Uwe Michler: Wenn ein Waschbär auf das Dach will, dann kann er, anders als ein Steinmarder, nicht vom Baum aus hinüberspringen. Er muss über das Fallrohr der Regenrinne raufklettern. Es gibt waschbärensichere Manschetten aus PET für das Rohr, da kommt kein Waschbär rüber.

DIE WELT: Bleibt noch das Problem mit den umgeworfenen Biomülltonnen und den zerfetzten Müllbeuteln.

Frank-Uwe Michler: Man muss verhindern, dass Waschbären die Abfalltonnen öffnen können. In Kassel werden dafür vielfach Schwerkraftschlösser eingesetzt. Bei mir zu Hause in Eberswalde habe ich einfach Spanngummis über die Deckel gezogen. Das wirkt.

DIE WELT: Was wollen die Tiere überhaupt in Kassel? Deutschlands schönste Waldgebiete, der Harz und der Hainich sind doch gar nicht so weit weg.

Frank-Uwe Michler: Da leben Waschbären ja auch. Aber sie zählen zu den ausgesprochen urbanophilen Tierarten. Sie können das anthropogene Nahrungsangebot in Städten sehr effektiv nutzen und kommen mit den Lebensbedingungen ausgesprochen gut zurecht. Es stört sie auch nicht, wenn schon viele andere Waschbären da sind, sie sind nicht besonders territorial. In Bristol etwa, der europäischen Hauptstadt der Füchse, leben auf 100 Hektar maximal 30 Füchse. In den Waschbärhochburgen Kassel, Chicago, Cincinatti oder Toronto sind es auf der gleichen Fläche über 100 Waschbären.

DIE WELT: Es gibt nur wenige Waschbären-Hotspots in Deutschland. Aber warum kommen die nicht flächendeckend vor, wenn sich die Tiere hier doch schon seit 80 Jahren wohlfühlen?

Frank-Uwe Michler: Das hängt mit einer wirklich faszinierenden Sozialstruktur der Tiere zusammen. Die Weibchen bleiben ein Leben lang beieinander, Tanten, Enkelinnen, Cousinen, Mütter, Töchter und Omas. Sie sind extrem ortstreu.

DIE WELT: Und die Männchen?

Frank-Uwe Michler: Die verlassen im Alter von etwa zehn Monaten das elterliche Gebiet und wandern im Schnitt 30 bis 40 km, vereinzelt auch über 200 Kilometer, bevor sie in einem fremden Gebiet sesshaft werden. Bevor es nun in einem von der Kernpopulation weit entfernten Gebiet zu einer dauerhaften Etablierung von Waschbären kommt, müssen sich erst die Weibchen sukzessive ausbreiten. Das kann viele Jahre bis Jahrzehnte dauern.

DIE WELT: Wenn Weibchen so ortstreu sind, müsste es doch Inzucht geben…

Frank-Uwe Michler: Ja, das könnte man vermuten. Tatsächlich konnten wir im Rahmen umfangreicher molekularbiologischer Verwandtschaftsanalysen in keinem einzigen Fall eine Verpaarung eines Vaters mit einer seiner Töchter dokumentieren. Ein Grund dafür ist, dass die Männchen in festen Männerbünden zusammenleben.

DIE WELT: Was ist daran besonders? Bei Wildschweinen gibt es Junggesellengruppen, manchmal ziehen auch Väter und Söhne miteinander herum …

Frank-Uwe Michler: Das Besondere ist, dass die männlichen Waschbären nicht miteinander verwandt sind. Solch eine enge soziale Bindung zwischen erwachsenen unverwandten Männchen gibt es bei keiner anderen Säugetierart.

DIE WELT: Wenn die Männchen weite Distanzen überwinden, verbreiten die dann nicht auch Krankheiten?

Frank-Uwe Michler: In Europa ist momentan nur eine vom Waschbären auf den Menschen übertragbare Krankheit bekannt. Hierbei handelt es sich um den Spulwurm Baylisascaris procyonis. Empirische Daten zeigen jedoch, dass es nur in sehr seltenen Fällen zu einer Infektion des Menschen kommt. In Deutschland ist bisher erst ein einziger Fall bekannt geworden. Aber grundsätzlich gilt: Wer mit Kot in Berührung gekommen ist, sollte sich gründlich die Hände waschen!

DIE WELT: Auf der Internetseite ihres Projektes im Müritz-Nationalpark sieht man, dass sie Tieren farbige Kreuze und Punkte auf den Pelz sprühen. Warum?

Frank-Uwe Michler: Damit können wir die Tiere auf Fotofallenbildern individuell wiedererkennen. So lässt sich die Dichte der Population schätzen. Nicht markierte Tiere lassen sich zudem gut an ihrem Schwanz unterscheiden.

DIE WELT: Wie das?

Frank-Uwe Michler: Der ist individuell geringelt.

Waschbären brauchen einen dreidimensionalen Lebensraum – weil sie Feinden nur entkommen, indem sie irgendwo hochklettern

DIE WELT: Ihre Frau hat auch eine Doktorarbeit über Waschbären angefertigt. Sie hat dazu Kot analysiert. Warum das?

Frank-Uwe Michler: Sie wollte wissen, was die Tiere fressen und ob sie einen ökologischen Schaden anrichten.

DIE WELT: Und?

Frank-Uwe Michler: Im Müritz-Nationalpark: nein. Waschbären fressen hier das, was häufig da ist. Im Wald also viele Wasserschnecken und Regenwürmer, Käfer, Amphibien, kleine Vögel. Im Sommer fressen sie Obst, im Herbst Eicheln oder Bucheckern. Aber sie fressen kaum seltene Arten.

DIE WELT: Und in den Städten steigen sie auf Fast Food um?

Frank-Uwe Michler: Ja, da fressen sie das, was Menschen ihnen hinterlassen oder sogar für sie hinstellen. Sie sind an Städte und Wälder perfekt angepasst, haben sich bestens in diese beiden Ökosysteme integriert.

DIE WELT: Sie richten also keine ernst zu nehmende Schäden an oder verbreiten Krankheiten. Was suchen Waschbären dann auf der europäischen „Unions-Liste“ der invasiven Arten? Da gehören ja eigentlich nur Tiere hin, die einen ökologischen, ökonomischen oder einen epidemiologischen Schaden anrichten.

Frank-Uwe Michler: Das ist eine Story für sich. Fest steht, Deutschland wollte nicht, dass dieser Neubürger auf die Unions-Liste kommt. Ein Problem war aber sicherlich, dass der Waschbär damals noch nicht so gut erforscht war wie heute.

Quelle : Die Welt

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