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Keine bedrohte Art in Europa durch Prädationsdruck des Waschbären (IUCN) – Neueste Studie von Diplombiologin Berit Michler

Konkurrenzdruck auf bestimmte Tierarten konnte für den Waschbären bislang nicht nachgewiesen werden.

Seit Neuestem ist der Waschbär zudem Bestandteil der Unionsliste (umfasst 37 invasive gebietsfremde Tier‐ und Pflanzenarten von unionsweiter Bedeutung, die die europäische Artenvielfalt und Biodiversität bedrohen; NEHRING 2016), die in der EU‐Verordnung über invasive gebietsfremde Arten (Invasive Alien Species; kurz: IAS) Nr. 1143/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 1.1.2015 verankert ist.

Um in diese Liste aufgenommen zu werden, muss u.a. nachgewiesen werden, dass eine gebietsfremde Art nach vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen erhebliche nachteilige Auswirkungen auf die Biodiversität oder die damit verbundenen Ökosystemleistungen hat. Sowohl die Einstufung des Waschbären in die bundesweite Managementliste als auch in die Unionsliste erfolgte ohne ausreichend vorhandene wissenschaftliche Grundlage. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) führt im Positionspapier zur Naturschutzfachlichen Invasivitätsbewertung (NEHRING et al. 2015) als Grundlage der Einstufung vor allem einen starken Prädationsdruck des Waschbären im Frühjahr auf Vögel an, der aber bislang wissenschaftlich nicht dokumentiert werden konnte. Aus keinem seiner deutschen Verbreitungsgebiete liegen wissenschaftliche Daten zu einer nachweislich negativen Einflussnahme auf heimische Vogelarten vor.

Auch die dort gewerteten Hinweise zur Raumkonkurrenz mit Vögeln halten den Leitlinien des BfN vor einem wissenschaftlichen Hintergrund nicht stand. Die wenigsten der zugrundeliegenden Untersuchungen zum Gefährdungszustand von Arten erfüllen die Kriterien für verlässliche Erfassungen und Bewertungen (REICHHOLF 1993). Zu möglichen negativen ökonomischen Auswirkungen des Waschbären gibt es noch keine einzige Studie, auf die sich berufen werden kann. Umso erstaunlicher ist es, dass es hinsichtlich der Invasivitätsbewertung des Waschbären laut NEHRING et al. (2015) keinerlei Wissenslücken und Forschungsbedarf mehr gibt.

Nach der Verordnung zur Bekämpfung invasiver Arten in Europa war die EU‐Kommission aufgefordert, bis Anfang 2016 eine Liste (Unionsliste) mit den schädlichsten zugewanderten Tier‐ und Pflanzenarten vorzulegen, welche die Mitgliedstaaten überwachen und ggf. bekämpfen müssen. Diese Liste stieß auf massive Kritik seitens des EU‐Parlaments und der Mitgliedsstaaten. Anstatt, wie in der Verordnung vorgeschrieben, neue Risikobewertungen mit einheitlichen Kriterien für die Bestimmung der gefährlichen invasiven Arten heranzuziehen, hat die Kommission die Liste auf Basis alter Risikobewertungen aus einzelnen Mitgliedsstaaten erstellt. Die Listung des Waschbären wurde mit der einzig vorhandenen Risikobewertung aus Großbritannien begründet, die allerdings nie offiziell bei der EU‐Kommission eingereicht wurde, da sie allein für das britische Territorium erstellt wurde und somit nicht repräsentativ für alle europäischen Länder ist.

Deutschland hat die Aufnahme des Waschbären auf die Unionsliste abgelehnt „Man muss kein Biologe sein, um zu erkennen, dass diese Liste invasiver Arten willkürlich erstellt wurde. "

„Man muss kein Biologe sein, um zu erkennen, dass diese Liste invasiver Arten willkürlich erstellt wurde. (EVP‐FRAKTION 2015). “ Durchführungsverordnung sowie direkte Interventionen von EU‐Tierschutzgruppen wurden abgewiesen. Trotz Listung des Waschbären heißt es in der offiziellen Risikobewertung, dass es auf Basis der internationalen Roten Listen (IUCN) keine bedrohte Art in Europa gibt, die unter Prädationsdruck des Waschbären steht[/highlight]. Obwohl Deutschland die größten Waschbärvorkommen außerhalb der USA beherbergt, fand ein diesbezüglich aktueller Wissensstand anhand neuerer Literatur, bzw.deutscher Studien bei dieser Bewertung keine Berücksichtigung.

Nahrungsanalysen haben gezeigt, dass die meisten im Gebiet vorhandenen geschützten Arten nicht gefressen wurden. Beim aktuellen Artenschutz stellt sich immer wieder die Frage, welche Arten gefördert, erhalten oder eventuell auch bekämpft werden sollen. Oftmals prägen emotionale Beweggründe und politische Erwägungen die Entscheidung ‐ von wenigen Fällen abgesehen lassen sich Eingriffe kaum primär mit ökologischen Notwendigkeiten begründen (HOLTMAIER 2002). Mitunter wird auch prinzipienfest von Faunen‐ oder Florenverfälschung gesprochen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, wie endlos lang die Liste derer ist, die ursprünglich nie in einem bestimmten Gebiet lebten, sich aber heute der besonderen Fürsorge des Naturschutzes erfreuen (BORRMANN 2006). Dies soll keineswegs suggerieren, dass der Waschbär vielleicht bald als geschützte Tierart darstehen wird ‐es soll nur ins Bewusstsein rücken, dass die Natur kein Zweiwertesystem kennt (REICHHOLF)

Obwohl immer wieder vom negativen Einfluss des Waschbären als Nesträuber und Niederwildprädator berichtet wird, gibt es aus wissenschaftlicher Sicht aus seinem allochthonen Verbreitungsgebiet auch bei fortschreitendem Populationswachstum keine wissenschaftlich reproduzierbaren Belege.

LUTZ konstatierte bereits 1996, dass sich die in Deutschland in den 60er und 70er Jahren geäußerten Befürchtungen der Waschbär werde erheblichen Schaden unter den heimischen Wildarten, insbesondere den Vogelarten verursachen, nicht bewahrheitet hat. Prädation ist eine von vielen Verlustursachen – ein ausdrücklicher Prädations‐ bzw. Konkurrenzdruck auf bestimmte Tierarten konnte für den Waschbären bislang nicht nachgewiesen werden.

Eine Beeinträchtigung der Populationsentwicklung anderer Arten durch den Waschbären ist in Mitteleuropa nach KOVARIK (2010) momentan nicht gegeben. Die Hypothese, dass der Waschbär durch Prädation lokale Bestände naturschutzfachlich relevanter Tierarten beeinträchtigen kann, konnte anhand der vorliegenden Ergebnisse aus dem Gebiet des Müritz‐Nationalparks nicht bestätigt werden.

Quelle: Studie Waschbär Berit Michler

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